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Gesellschaft

Schattenspringer- 09.01.2017

Schattenspringer
Foto: Wikimedia/Israel Police

Israel ist im Dauerkrieg. Amerika ist ihm in den UN-Rücken gefallen. Beider Opponenten wurden ermutigt. Ägypter rufen nach einem multiplen Krieg gegen Terror. London und Berlin mögen von ihnen noch lernen. Westler verfehlen es, ihre Werte voll durchzusetzen, ihre antiislamistischen Gegenideologien zu entfalten. 

Am Sonntag raste im Südosten Jerusalems der arabische Israeli Fadi al-Qanbar – فادي القنبر in arabischen Medien – mit einem LKW in eine Gruppe israelischen Soldaten, die gerade einen Bus verließen. Dabei kamen vier um, drei Frauen sowie ein Mann, und noch 16 weitere wurden verletzt. Im Verlauf wurde der Angreifer, gegen ein Uhr, erschossen. Der Terrorist sei Anhänger des "Islamstaats", IS, so Premier Netanjahu am Tatort. Er vermutete Verbindungen zu Anschlägen in Berlin und Nizza. Hamas-Leute nannten die Tat "heroisch". Andere feierten diese "Truck-Erhebung", etwa in Nordgazas Ort Jabaliyya. 

Ebenfalls kurz vor ein Uhr lief Esteban Santiago in den Fort-Lauderdale Flughafen Floridas und erschoss fünf Personen an der Gepäckausgabe. Er verwundete an jenem 6. Januar acht weitere, ließ sich aber festnehmen, zumal ihm seine Munition ausging. Monate zuvor entließ die Nationalgarde den Veteran des Irak-Kriegs wegen Mängeln. Am 7. November meinte er in einem FBI-Büro Alaskas, die CIA wolle, dass er dem IS beitrete und dessen Filme sehe. Er höre Stimmen. Beamte brachten ihn zur Behandlung. Dabei war Florida schon am 12. Juni getroffen worden, da Umar Matien in Orlando 49 Menschen tötete und 53 verwundete. 

Dass viele wieder von Radaren der Behörden abtauchten, deutete auf diverse Lücken hin. Über manche Gründe der Gewaltwelle wird heftig gestritten. In Tunis demonstrierten 1.000 Bürger am Sonntag unter dem Motto "Keine Heimkehr von IS-Banden". Sie sorgten sich, dass etwa 3.000 IS-Jihadisten aus Syrien, Irak und Libyen heimkommen. Angeblich meinte Präsident as-Sibsi "politisch korrekt", sie nicht anzunehmen, widerspreche der Verfassung. 

Totalkrieg?

Viele gedachten des Flugs der EgyptAir 804, da am Wochenende Familien Überreste ihrer Angehörigen erhielten. Die Frage, ob Terror oder Technikversagen Grund für den Absturz am 19. Mai vor der Küste Ägyptens wurde beantwortet, als man Sprengstoffreste fand. Es waren von Paris nach Kairo 66 Tote zu beklagen.  "Dem Terror der totale Krieg", rief  der Autor Hani Ghuraba. Er verwies auf den Suizidbomber in der Koptenkirche vom 11. Dezember. Ägypten habe am 30. Juni 2013 in der ersten populären Revolte der modernen Geschichte ein Islamisten-Regime gestürzt. Armee und Volk seien nunmehr zu mobilisieren, um den Feind zu besiegen. Dazu gehöre: 

Hani Ghurabas totaler Krieg gegen Terror und Islamisten, al-Ahram, 5. Januar 2017

•Sozialkrieg: mit der al-Azhar-Universität ein Abbau der Wahhabi-Lehren in Bildung - für toleranten Islam.

•Medienkrieg: Multilinguale TV gegen Muslimbrüder, Washington Post, Guardian, New York Times, Jazira.

•Diplomatiekrieg: alle pro-Terror Regimes sind anzugehen und die, die ihnen in der Türkei und Katar helfen. 

Diese totale Kriegsstrategie an multiplen Fronten sei geboten, um zu sichern, dass Ägypten in solchen harten Konflikten gegen die Muslimbrüder und den Islamischen Jihad gewinne. 

Londoner Nebel

Erstaunlich an der antiislamistischen Agenda ist auch, dass Ghuraba Helfer im Westen und in Mittelost benennt, die Islamisten noch Plattformen für deren Zwecke bieten. In der Tat schwanken Führer in Demokratien trotz des islamistischen Terrorsturms zwischen Naivität und Selbstaufgabe. Leichter mögen noch einige eher "politisch korrekt" sein und das Leben ihrer Bürger riskieren, als mit unorthodoxer Kraft und völlig wirksam endlich zu gewinnen. 

Nicht nur Debatten nach Terroranschlägen enthüllen all dies. Ein anderer Beitrag der al-Ahram erhellte, wie ein Dutzend ägyptische Parlamentarier des Auswärtigen Komitees für fünf Tage nach London reisten, um dort den politischen Islam und die Muslimbruderschaft zu erörtern. Ägypter lieferten ihre Reaktion zum Ergebnis des Unterhauses ab, das in den ägyptischen Augen sowohl Muslimbruderschaft als auch "politischen Islam" weißwasche. 

Der Vorwurf: Islamisten würden als Opfer arabischer Regimes dargestellt. In dieser Rolle hätten sich diese in Westeuropa etabliert und verbreitet. Das Parlament in Kairo wolle nun zeigen, wie sich die Ideologie dieses Politislams ausbreite, um die Welt zu islamisieren. Ägypten, so die Parlamentarierin Dahlia Yusuf, sei ein Land, das unter den Islamisten leide. 

Eine Kernthese der Ägypter lautete, islamistische Bewegungen unterscheiden sich kaum. Alle wollten an die Macht, Scharia, Kalifat und den strikten Islam aufrichten, um den Jihad gegen "ungläubige" Herrscher zu führen. Die Muslimbruderschaft sei die Mutter der Jihad- und Salafi-Bewegungen. Im 20. Jahrhundert verzweigte sie sich, verbreitete ihre Ideologie und sei unvereinbar mit demokratischen Werten, die gegen Gottesmacht und Scharia seien. 

Schattenspringer

Wer denkt da nicht an Berlin und Istanbul als Sponsoren von Jihad und Muslimbrüdern vor 100 Jahren. Da jüngst Berlin ein tödlicher "Weihnachtsjihad" ereilte, stellte Innenminister Thomas de Maizière am 3. Januar seine Ideen für Deutschlands Sicherheit vor. Wohl sind darin grundlegende Vorschläge für die Verbesserung und Umorganisation enthalten. Doch fehlt zweierlei: die geistige Auseinandersetzung mit der Ideologie des Islamismus und ein Plan B für eine "Mini-EU". Beides berührt auch jene israelischen und ägyptischen Belange. 

Im Wahlkampf wird mehr gefragt, welche Mitverantwortung die amerikanische und die deutsche Außenpolitik für das Erstarken des IS und anderer Terrorvereine hatten sowie wie es historisch überhaupt im Bündnis des Deutschen Reichs und des Osmanenreichs zu dieser Kultivierung von Islamismus und Jihadismus als Kernideologien im Ersten Weltkrieg kam. 

Wenn Berlin sich nicht endlich solchen Grundfragen zuwendet, wird es aller Reformen zum Trotze nicht zum Grund der Konflikte und deren Überwindung vorstoßen. Es stolpert dann weiter von Terrorakten zur Betroffenheit bis zum neueren Verfehlen von Jihadisten. Ohne treffliche, aus dem Gestern fundierte Diagnose gibt es weder Kur - noch Gewinnen.

Der "Weihnachtsjihadist" Amri wies 14 Identitäten vor. Die sagten noch gar nichts über die ihn umtreibende Weltsicht. Freilich hegt Berlin ein Problem. Die Politiker, die solche Riesenlücken eine Dekade erlaubten, stellten sich wieder zur Wahl. Wie Ihresgleichen in Amerika, die aber auch nicht über ihre Schatten springen konnten.

Wolfgang G. Schwanitz

Autor des Artikels

Schwanitz, Wolfgang G.

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