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Mogadischu, die Linke und der Antisemitismus - 06.11.2012

Mogadischu, die Linke und der Antisemitismus
Festakt zum 40-jährigen Bestehen der GSG 9 (dpa)

Mogadischu 1977: Die Sondereinheit GSG 9 stürmt die vollbesetzte Passagier-Maschine Landshut. Der Erstürmung gingen bange Tage für Passagiere und Crew voraus, in welchen der Pilot der Maschine, Jochen Schumann, von den Entführern ermordet wurde. Die Entführung der „Landshut“, Lufthansa Flug 181, fällt in eine für die Bundesrepublik Deutschland kritische Zeit. Die RAF versucht das Fundament der BRD regelrecht weg zu schießen. Die Ereignisse rund um die Entführung offenbaren aber auch eine weitere bis ins Heute reichende Problematik der unheilvollen Verbindung von Linksextremismus und dem Antisemitismus. Im Angesicht der antisemitischen Bedrohung im Heute sollte wir uns fragen: Was haben wir aus Mogadischu 1977 gelernt?

Prolog: Die Linke, die RAF und der ganz normale Antisemitismus

Die Geschichte der „Roten Armee Fraktion (RAF)“ und ihres Terrors ist die Geschichte einer Generation, die selbst behütet und gehätschelt, die Destruktion zu ihrem obersten Ziel und ihrem Leitbild erkor. Der Wahn der „absoluten“, der „totalen“ und der „idealen“ Gesellschaft wurde im Terror der RAF auf die Spitze getrieben. Mord um der  vermeintlich „gerechten Sache“ Willen wurde in Kauf genommen. Man kann und wird die Geschichte der RAF, des linken Terrors und auch des heutigen linken Meinungsdiktats nur dann hinlänglich verstehen, wenn man einige Komponenten dieses Weltbilds herausschält, die in ihren Ansprüchen auch den Weg in die viel gerühmte „Mitte“ gefunden haben.

Eine dieser Komponenten ist der Antisemitismus. Es ist eine der großen Verdrehungen, das der Antisemitismus der Linken mit der Palästinenserfrage zusammenhänge. Gewiss, manch ein linker Wirrkopf wird in ihr seinen missionarischen Trieb befriedigt haben, der in den „armen“ Palästinensern ausgelebt werden konnte. Der Antisemitismus der in weiten Teilen der, das historische Territorium Palästina, bewohnenden Araber, kann hier nun nicht ausführlicher behandelt werden. Der Antisemitismus der Linken, der RAF (und ihrer „Generationen“) allerdings muss eindringlicher angeführt werden. Es handelt sich hierbei nämlich lediglich um eine Spielart eines offenbar „ganz normalen“ Antisemitismus, der in Europa in der Mitte der Gesellschaft herum trampelt und sich an traurigen Höhepunkten gewaltsam entlädt.

Von Entebbe nach Mogadischu

Als am 18. Oktober 1977 die GSG 9 („Grenzschutzgruppe 9“) die Lufthansa-Maschine „Landshut“ stürmt und die Geiseln aus der Gewalt der palästinensischen Terroristen befreit, so handelt es sich hierbei zwar um eine geglückte Mission, die vor allem der Willensstärke des damaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt (SPD) zu verdanken ist, der sich beharrlich weigerte mit den Terroristen einen „Austausch“ zu arrangieren, die aber das Grauen des palästinensischen Terrors erneut offenbarte. An Bord der Landshut ereignete sich ein Umstand, der weder „neu“, noch außerordentlich überraschend, war. Der Anführer der Terroristen, der sich „Captain Mahmud“ nannte, beginnt damit seinen Hass an Juden, und dem Jüdischen, auszulassen.

Dieses antisemitische Verhalten von linken Terroristen, in Mogadischu waren es Mitglieder der „Volksfront zur Befreiung Palästinas“, in Entebbe waren es deutsche linke Terroristen, hatte und hat traurige „Tradition“. Im Juni 1976 entführen deutsche Terroristen eine Air-France-Maschine, die sich auf dem Weg von Tel Aviv nach Paris befindet. Im ugandischen Entebbe beginnen die deutschen Terroristen die Passagiere zu selektieren. Sie trennen Juden von Nichtjuden: unter den Passagieren befinden sich Holocaust-Überlebende, die dem Tod durch antisemtische Deutsche entronnen waren um 30 Jahre später wiederum von antisemitischen Deutschen mit dem Tode bedroht zu werden. Die israelische Armee befreit in einer beispiellosen Operation alle Geiseln und zeigt der Welt damit, dass Juden nicht mehr so einfach Opfer sein würden. Von Entebbe nach Mogadischu: es ist der gleiche Antisemitismus der gewaltbereiten Linken, der das Leben von Juden bedroht. Dieser linke Antisemitismus ist allerdings keineswegs eine große Überraschung.

Die Linke und der Antisemitismus: eine unheilvolle Geschichte

Anton Pelinka, einer der bekanntesten Politikwissenschaftler Österreichs, und gewiss nicht im Verdacht „konservativ“ zu sein, erklärte die Geschichte des linken Antisemitismus in einem Interview mit der österreichischen Tageszeitung „Der Standard“ vom 17. Oktober 2012. Pelinka, der derzeit an der „Central European University“ in Budapest forscht, bringt einige der wichtigsten Details auf den Punkt, seine Aussagen verdienen es ausführlicher zitiert zu werden:

Zur Frage, ob man die Gemeinsamkeiten zwischen Links- und Rechtsextremismus auf „Antisemitismus oder Antizionismus, Antiamerikanismus und, neu, Antiglobalismus“ reduzieren könne, meint Pelinka: „Es sind Gemeinsamkeiten, aber dahinter steckt mehr. Bei Antiglobalisierungsdemonstrationen wird etwa ein goldenes Kalb mit einem Davidstern drauf gezeigt. Da wird der Kapitalismus mit den Juden identifiziert. Da gibt es Berührungspunkte, die im Übrigen nicht neu sind. Die Linke, sowohl die sozialdemokratische als auch die kommunistische, in Österreich vor allem Erstere, hatte große Probleme, den Antisemitismus überhaupt wahrzunehmen. Dessen unglaubliche Zerstörungsgewalt wurde - nicht nur, aber auch - von der Linken massiv übersehen. Das war ein Einfallstor, wo sich dann antikapitalistische linke und extrem exklusiv rechte Motive begegnet sind.“

Und auf die Frage, wie die österreichische Sozialdemokratie mit diesem Faktum zu Rande käme, antwortet Pelinka: „Eines der großen Tabus der sozialdemokratischen Geschichte in Österreich war und ist vielleicht bis heute noch, wie viele direkte Übergänge es an der Basis von der Sozialdemokratie zu den Nationalsozialisten gab. Das war nicht nur das Kleinbürgertum, das waren auch die Wiener Arbeiter, zu einem Gutteil.“ Starker Tobak für eine Linke, die bis heute meint, sie allein habe das Monopol auf Anti-Rassismus. Dass der Rassismus aber ebenso in der Linken grassiert, nicht nur grassierte, zeigt bis heute die sogenannte „antiimperialistische“ Linke, die in seltener Geschichtsunwissenheit (gespickt mit einer guten Portion Dummheit) den Juden ihr Recht auf ihr Land abspricht.

Mogadischu, die Linke und der Antisemitismus

Und hier führt uns der Weg zurück nach Mogadischu. Zurück zu einer Linken und zu ihrem Antisemitismus: eine Geschichte, die von linker Seite gerne kaschiert wird. Wir haben aber die Verantwortung diese unheilvolle Verbindung aufzuzeigen. Die Versuche zu einer Delegitimierung Israels, die ein großer Teil der Linken betreiben, ist auch und gerade heute eine Gefahr, denn sie dringt in die viel gerühmte „Mitte“ der Gesellschaft vor und bedroht jüdisches Leben in Israel, aber auch im Rest der Welt. Denn die Linke von damals, und ihr Dunstkreis an Sympathisanten, haben längst den Marsch durch die Schichten, Institutionen und Klassen abgeschlossen. Die verhätschelten „Revoluzzer“ von damals sind die linken puritanischen Spießer von heute.

Sogenannte Islamisten, Linksextreme, Rechtsextreme, der unvermeidliche „Intellektuelle“ und der „Pöppel“ fühlen sich in ihrem Hass auf Israel und die Juden gestärkt und dies nicht zuletzt durch die tägliche Desinformation selbst angeblich „seriöser“ Medien wenn es um Israel und die Juden geht.

Mogadischu und wir: haben wir etwas gelernt aus der Geschichte? Wenn ja, warum sieht sich Israel auch heute noch derart von Beschimpfungen und Vernichtung bedroht? Wäre es nicht an der Zeit endlich die Geschichte zu „lehren“? Dazu würde es auch gehören endlich klar aufzuzeigen, dass der Antisemitismus und die Linke in weiten Teilen zusammengehören, dass eben auch und gerade die Linke hier schwere Schuld auf sich geladen hat. Das wichtigste und wesentlichste im Heute wäre aber endlich die historischen Fakten auf den Tisch zu legen, die den Juden im Nahen Osten Gerechtigkeit zukommen lassen würde. Israel ist, unabhängig von der konkreten Staatsform, jedenfalls ein historisch berechtigter Staat und keineswegs ein „Imperialismus“, wie uns verblendete Linke immer wieder einhämmern wollen. Zeigen wir also durch die Vermittlung von Fakten klare Kante gegen Antisemitismus und Gewalt. Wenn die Linke sich dieser Geschichte und ihrer Gegenwart nicht stellt, dann müssen wir sie daran erinnern: ohne wenn und aber.

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