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„Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“- 19.02.2013

„Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“
© Bischof em. Jobst Schöne, privat

Johannes Auer im Gespräch mit Bischof em. Jobst Schöne

Vorliegendes Interview mit Bischof em. Jobst Schöne der Selbstständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) entsprang einem Artikel, welchen ich aus Anlass des hundertsten Geburtstages Axel Springers verfasste. Im Zuge meiner Recherchen zur politischen und publizistischen Wirkung des wohl bedeutendsten prononciert politischen Verlegers in deutschsprachigen Landen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, der Axel Springer zweifelsohne war, stieß ich auch auf seinen Glauben. Was Axel Springer glaubte, wie er zu diesem Glauben kam - diese und andere Fragen werden im Gespräch mit Bischof Schöne erörtert.

Einleitung

Springers Glaubensleben wird in vielen Dokumentationen und Biografien sehr oberflächlich geschildert, meist in problematischer Weise, weil es entweder als Beleg einer schrulligen Ader, oder aber als zusätzlicher Nachweis seiner angeblichen oder tatsächlichen „reaktionären politischen Haltung“, politisch ausgeschlachtet wird. Was Axel Springer glaubte, wie er zu diesem Glauben kam (bzw. ob er zu diesem Glauben erst „kommen“ musste, oder ob er von vornherein in seinem Leben präsent war), diese Fragen sollen und können hier zwar nicht erfüllend dargestellt werden, Bischof em. Jobst Schöne kann hier allerdings einen ersten Einblick gewähren und uns zu dieser Thematik hinführen.

Das hier dem geneigten Leser zur Kenntnis gebrachte Interview geht allerdings über Leben und Person Axel Springers hinaus, und das ganz bewusst. Dieses „Hinausgehen“ kann allerdings wiederum in Verbindung zu Axel Cäsar Springer gesehen werden, denn die Frage, inwieweit der christliche Glaube Springers politisches Denken beeinflusste, kann generell zu einer Frage für alle Christen umgelegt werden. Daher soll dieses Interview auch ein weiter Mosaikstein in der Reihe „Christentum und Staat“ sein, die ich mit den Überlegungen zur Orthodoxen Staatslehre bereits begonnen habe. Die Frage wie sich das Christentum zum weltlichen Staat stellt, war dem Christentum seit seinen Anfängen innewohnend. Es musste sich ja gerade gegen ein sogenanntes „Welt-Imperium“ und dessen Reichsreligion behaupten. Heute sind wir in Europa an einem Punkt angelangt, an dem das Christentum wiederum mit der Frage konfrontiert wird, inwieweit man mit einem Staat einverstanden sein kann, der immer öfter grundsätzliche christliche Werte entweder nicht teilt, oder aber Gesetze erlässt, die für Christen nicht oder nur schwer nachvollziehbar sind. Bischof em. Jobst Schöne wird einige dieser Frage aus der Sicht seiner Kirche beantworten, die hier ja eine eigene Geschichte vorzuweisen hat, die sie nicht nur von der römisch-katholischen Kirche, sondern auch von anderen protestantischen Gemeinschaften unterscheidet.

Der dritte Komplex an Fragen ist mit den beiden vorangehenden natürlich in enger Beziehung: wie steht die SELK zur Ökumene und auch zum interreligiösen Dialog? Hat ein Dialog, der sich rein auf moralische Fragen beschränkt eine Zukunft? Nicht wenige dezidiert religiöse Denker fordern ein Zusammenrücken der monotheistischen Überlieferungen wenn es um Grundsatzfragen der Moral geht. Also um Fragen wie Ehe, Abtreibung, Religionsunterricht, Schulbildung, Gesellschaftsbildung, Gottesbezug in der Verfassung etc.. Kann aber ein solcher Dialog Erfolg haben, wenn man ihn auf dieser „oberflächlichen“ Ebene hält? Und wenn ja: gibt es eine gemeinsame Überlieferung in der Menschheitsgeschichte, auf die sich nicht nur sich auf Christus berufende Gemeinschaften einigen können, sondern auch die anderen „alten“ Überlieferungen der Geschichte auf Erden? All das sind drängende Fragen, die wir nur dann erfüllen beantworten können, wenn wir eine Vielzahl von Meinung sichten, eine dieser Meinungen liegt nun mit diesem Interview vor. Der Sinn dieser Form des Interviews liegt für mich vor allem in einer möglichen Überschreitung des eigenen Gedankenhorizonts und des Wahrnehmens anderer Sichtweisen. Alleine schon dieses „Wahrnehmen“ kann die eigenen Standpunkte schärfen, erweitern und auch gegebenenfalls korrigieren.

Das Interview wird in drei große thematische Frageabschnitte unterteilt, die jeweils 5 Fragen enthalten:

Axel Springer und die SELK

Christentum und Politik in Beziehung zur Lehre der SELK

SELK, Ökumene und interreligiöser Dialog

Teil 1: Axel Springer und die SELK

explizit.net: Hw. Herr Bischof Schöne, Axel Springer trat in einer Zeit der SELK bei, die man als politische Zeit der Wirren bezeichnet, wie fand Axel Springer zur SELK? 

Bischof em. Jobst Schöne: In der Tat fand Axel Springer in einer "Zeit politischer Wirren" zur lutherischen Kirche in Berlin. Dabei ist es eindeutig zu kurz gegriffen, wenn man seinen Anschluss an die "Altlutheraner" als politisch motiviert deuten will. Es stand viel mehr, ja: ganz anderes, im Hintergrund: Mit seinem Umzug von Hamburg nach Berlin verließ er ja eine (formal noch immer) lutherische Kirche und kam in den Raum einer unierten Landeskirche, in der aufgrund vorherrschend reformierter Theologie der weltlich-politische Bereich und der geistlich-kirchliche vermischt wurden, die Regierweisen Gottes "zur Linken" (durch politische Machthaber bzw. Parteien im Staat) und "zur Rechten" (durch Verkündigung des Evangeliums und entsprechende Schärfung der Gewissen in der Kirche) - man nennt es die "Zwei-Reiche-Lehre" - nicht mehr unterschieden wurden. Ergebnis: politische (meist tagespolitische) Zielsetzungen wurden je nach Geschmack oder Vorprägung als göttlich gewollt, und also den Christen im Gewissen bindend, deklariert (Beispiele: Positionierung gegen den Vietnamkrieg, für die Friedensbewegung, für Abrüstung, bei Sozialgesetzgebungen u.a.m.). Springer durchschaute diese Verfälschung der christlichen Botschaft, nicht zuletzt, weil er aus Altona lutherisch geprägt war und sich mit Luther und seiner Theologie beschäftigte - und er suchte nach einer Kirche, die den beschriebenen Kurs nicht mitging. Ich habe ihm vor seinem Anschluss an die (alt)lutherische Kirche deutlich gemacht, dass er nicht etwa eine Verkündigung erwarten dürfe, die seine persönlichen politischen Ansichten und Einstellungen "von der Kanzel " legitimieren und propagieren würde. Seine Antwort: genau solch eine Kirche brauche er, die ihm nicht nach dem Mund rede, seinem Gewissen Orientierung gebe und keine tagespolitischen Rezepte als Gottes Wort ausgebe. Ganz formal fand Springer zur (alt)lutherischen Kirche über Kontakte zu Persönlichkeiten in seinem Umkreis, die uns kannten, suchte mich dann als Pfarrer auf und berief sich auf eine (damals noch geltende) Vereinbarung mit den lutherisch geprägten Landeskirchen, wonach deren Kirchglieder beim Umzug in das Gebiet einer unierten Kirche in der (alt)lutherischen Kirche Aufnahme finden konnten. 

explizit.net: In einer Dokumentation über Axel Springer wird die Liturgie der SELK als „fast katholisch“ beschrieben, inwieweit ist das richtig und inwieweit hat die Liturgie Axel Springers Entscheidung für die SELK beeinflusst?

Bischof em. Jobst Schöne: Die Liturgie in der SELK (offizielle Bezeichnung: "Lutherische Messe") ist in der Tat dem sehr nahe, was man gemeinhin "katholisch" nennt. Kein Wunder, denn der klassische lutherische Gottesdienst war und ist eine "bereinigte" Form der römisch-katholischen Messe; "bereinigt" um solche Gebete, die mit lutherischem Verständnis nicht vereinbar sind (z. B. die früheren Opfergebete im Eucharistieteil). Die SELK hat großen Wert darauf gelegt dieses altkirchliche Erbe zu bewahren, und hat nur dort Änderungen vorgenommen, wo sie zwingend erschienen (das betrifft natürlich auch die Verwendung der Volkssprache). Für Springer war diese "hochkirchliche" Form des Gottesdienstes absolut kein Hindernis, ob sie seine Entscheidung beeinflusst hat und in welchem Maße, ist von mir kaum zu beantworten. Da er sich auch den orthodoxen Christen nahe wusste (Beziehungen zum Johanneskloster auf Patmos), war ihm die reiche Liturgie jedenfalls nicht fremd oder gar abstoßend.

explizit.net: Axel Springer beschäftigte sich zu einem Zeitpunkt seines Lebens auch mit Astrologie, hat er dieses Interesse abgelegt? Ist Astrologie mit dem Christentum der SELK vereinbar?

Bischof em. Jobst Schöne: Astrologie ist mit dem, was die lutherische Kirche (und die christliche Kirche überhaupt) lehrt, nicht vereinbar. Ich denke, dass Springer sich seit seinem Anschluss an die (alt)lutherische Kirche davon mehr und mehr abgewandt hat.

explizit.net: In jener Zeit, als Axel Springer der SELK beitrat, waren andere lutherische Kirchen links politisiert, war die SELK hier gänzlich anders orientiert?

Bischof em. Jobst Schöne: Die Links-"Politisierung" der Landeskirchen in Deutschland war in den 60iger und 70iger Jahren unterschiedlich groß, in Berlin aber fraglos besonders weit fortgeschritten (und dies in stark einseitiger Weise). In den formal lutherischen Landeskirchen war das dank noch vorhandener lutherischer Substanz nicht so ausgeprägt. Die (alt)lutherische Kirche (später - ab 1972 – „SELK“) hat diesen Trend nie mitgemacht, sondern politische Neutralität gewahrt, weil sie ihre Aufgabe in Seelsorge und Verkündigung sah, nicht in politischer Parteinahme.

explizit.net: Hat Axel Springer jemals versucht seinen Glauben mit Politik in derart zu verbinden, dass er in der SELK politische Anleitung suchte?

Bischof em. Jobst Schöne: Nein. Wir hätten sie ihm auch nicht gegeben.

Die Fragen stellte Johannes Auer

Lesen Sie den zweiten Teil des Interviews  „Christentum und Politik in Beziehung zur Lehre der SELK“ am kommenden Dienstag, 26.02. auf explizit.net!

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Weitere Informationen

Zur Person Jobst Schöne:

Dr. Jobst Schöne, D.D., Jahrgang 1931, geb. in Naumburg Saale, 1964 verh. (3 Kinder). Studium der Evang. Theologie in Bethel, Tübingen, Oberursel, Münster und St. Louis, MO, USA. 1962-1985 Pfarrer der (Alt)lutherischen Kirche (ab 1972: Selbständige Evang.-Luth. Kirche [SELK]) in Berlin-Zehlendorf; dort 1972-85 Superintendent und Ökumenereferent der SELK. 1985-1996 Bischof der SELK mit Sitz in Hannover, seither im Ruhestand in Berlin. 1969 Dr. theol. in Münster, 1978 Ehrendoktorwürde in den USA. Lehrtätigkeit in Lettland, Estland, den USA und Südafrika. Zahlreiche Veröffentlichungen.

 

Die „Selbstständige Evangelisch-Lutherische Kirche“:

Auf der Homepage der SELK lesen wir: „Die SELK ist eine bekenntnisgebundene Kirche. Sie versteht sich als Kirche, die auf dem Bekenntnis der Reformation fußt, als bewusst lutherische Kirche. So bekennen wir uns zur Heiligen Schrift Alten und Neuen Testaments als der Offenbarung und dem unverbrüchlichen Wort Gottes. Wir bekennen uns zu den Bekenntnissen der lutherischen Kirche, wie sie im Konkordienbuch von 1580 enthalten sind. Die bekanntesten dieser Bekenntnisse sind das ungeänderte Augsburger Bekenntnis und der Kleine Katechismus Dr. Martin Luthers. Weiter gehören dazu die drei altkirchlichen Glaubensbekenntnisse, das apostolische, nizänische und athanasianische; die Apologie (Verteidigung) des Augsburger Bekenntnisses; die Schmalkaldischen Artikel; der Große Katechismus Luthers und die Konkordienformel. In diesen Bekenntnissen wird das Wort Gottes betont, in dem die Gnade Gottes gegenüber dem Menschen zum Ausdruck gebracht wird; am prägnantesten vielleicht im Johannes-Evangelium formuliert: Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. (Joh.3,16) Vom heiligen Abendmahl bekennen wir:

Vom Abendmahl des Herrn wird so gelehrt, dass der wahre Leib und das wahre Blut Christi wirklich unter der Gestalt des Brotes und Weines im Abendmahl gegenwärtig ist und dort ausgeteilt und empfangen wird.“ Weitere Informationen auf: www.selk-deutschland.de

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