Wer die Wahl hat, hat die Qual“ sagt ein altbekanntes Sprichwort. Zahlreiche Abiturienten, aber auch Schüler/-innen der Oberstufe, stehen vor ihrer ersten großen (Lebens-)Entscheidung: Soll ich studieren und wenn ja was und wo? Viele, zumindest der frischgebackenen Abiturienten, wissen (hoffentlich) schon, welcher Studiengang für sie in Frage kommt. Oder sie haben stattdessen eher eine grobe Richtung vor Augen und möchten sich noch genauer mit dem Angebot an Studienmöglichkeiten befassen, um das richtige Studienfach zu finden. Oder möglicherweise wissen sie zwar, dass sie studieren wollen, finden es aber schwierig, die vielen Möglichkeiten eines Studiums (Universität, Fachhochschule, duales Studium, nur Bachelorstudium, Bachelor- und Masterabschluss) für sich zu sortieren.
Im Internet und in den Medien werden zum Thema Studienwahl sehr viele Informationen, Meinungen und Ratschläge angeboten. Gerade angesichts dieser Fülle von Hilfsangeboten stellt sich die Frage, wie man eine „gute“, eine „richtige“ Entscheidung herbeiführen kann - sprich die „richtige“ Studienwahl treffen kann. Aber hier gibt es leider keine Regeln und Lösungen, die für alle gelten. Jeder muss sich individuell darüber klar werden, was für seine Studienentscheidung bedeutsam ist.
In solch einer Entscheidungssituation ist es gut zu wissen, welche Schritte hilfreich sind, um auch noch im Studium zu der getroffenen Entscheidung zu stehen. Studienwahl ist ein langfristiger Prozess, den ein Studieninteressent so früh wie möglich beginnen sollte. Die Studienwahl darf durchaus eine Herausforderung sein, eine übermäßige Belastung sollte sie indes nicht darstellen. Denn niemand ist alleine auf dem Weg, sondern kann auf ganz unterschiedliche Weise Unterstützung und Rat in Anspruch nehmen. Und keineswegs muss ein Studieninteressent bei null anfangen. Es lohnt sich, zu Beginn der Studienorientierung mit sich selber und anderen Menschen, mit denen man vertraut ist, in einen Dialog zu treten.
Im Folgenden sollen acht mögliche Schritte zu einer erfolgreichen Studienwahl aufgezeigt werden.
Schritt 1: Neigungen und Interessen - Was reizt mich?
In Freizeit und Schule gibt es sicher Lernstoffe und Erfahrungsmöglichkeiten, die Sie besonders motivieren. Sie beteiligen sich vielleicht an Projekten oder aufwendigen Schul- oder Freizeitaktivitäten. Hieraus können Sie Indizien dafür ableiten, welches Studienfach oder welche Studienfächer Ihre Neigung gewinnen könnten. Hilfreich können dabei Fragen sein wie: Was genau macht mir an einem Hobby, an einem Lieblingsfach in der Schule Freude? Welche persönlichen Vorlieben und Neigungen stecken dahinter? Kann ich das, was mir Freude macht, in bestimmten Studienfächern wiederentdecken? Kann ich das, was mir Freude macht, in Berufsfeldern wieder entdecken, die zu den Studienfächern passen?
Wenn Sie sich mit Ihren Vorlieben und Abneigungen und deren Bedeutsamkeit für die Zukunft beschäftigen, werden Sie nicht nur von sich selber ein genaueres Bild bekommen, sondern auch Ratschläge differenzierter bewerten können, die Ihnen von anderen Personen zu Ihrer Studienwahl mitgeteilt werden.
Schritt 2: Fähigkeiten - Was kann ich?
Erforschen Sie, welche Begabungen, Stärken, aber auch Schwächen Sie haben. Vielleicht werden nun auch Tätigkeiten wichtig, die Sie gelernt oder eingeübt haben (Fertigkeiten). Stellen Sie sich auch darauf ein, Ihre Schwächen wahrzunehmen. Schließlich benötigen Sie Informationen, in welchem Studiengang und in welchem Beruf bestimmte Fähigkeiten erwartet werden.
Bei der Auseinandersetzung mit Ihren Stärken und Schwächen ist es hilfreich, mit Ihnen vertrauten Personen zu sprechen. Fragen Sie nach Vorstellungen und Erwartungen, die andere im Hinblick auf Sie haben. Nutzen Sie diese Anregungen, um neue Ideen zu prüfen, auch um Bestätigungen zu bekommen. Die Entscheidung sollen die Anderen Ihnen allerdings nicht abnehmen, die Studienwahl darf und muss die erste große Weichenstellung in Ihrem Leben sein.
Schritt 3: Selbstinformation - Was passt zu mir, in welche Richtung könnte meine Studienwahl gehen?
Es gibt eine Fülle an seriösen, aber leider auch unseriösen Informations- und Beratungsangeboten. Die erste Quelle der eigenen Recherche ist oft das Internet. Aber das Gefühl, im Informationsdschungel nicht zurechtzukommen oder sich völlig zu verrennen, kann unter Umständen sehr schnell demotivieren. Für eine erste Recherche über Studienangebote allgemein seien zwei Webseiten empfohlen:
Zeichnen sich bestimmte Studienrichtungen ab und möchten Sie schon jetzt herausfinden, welche Voraussetzungen Sie mitbringen müssen, um mit einem Studium beginnen zu können, ist es hilfreich, die Webseiten der jeweiligen Hochschule zu nutzen. Zumeist gibt es auch für einzelne Studiengänge detaillierte Informationen über Anforderungen, Studieninhalte und potentielle Berufsfelder.
Schritt 4: Selbstauswertung - Was hat die erste Recherche gebracht, bin ich weitergekommen, welche Informationen fehlen mir?
Die erste eigene Recherche hat Sie hoffentlich nicht „erschlagen“ oder gar demotiviert. Nun heißt es für Sie, eine erste Bilanz zu ziehen: Zeichnet sich für mich ein bestimmtes Berufs- und Studienfeld ab? Weiß ich jetzt vielleicht, was ich auf gar keinen Fall studieren möchte? Fehlen mir Informationen zu bestimmten Studiengängen (Studieninhalte, Bewerbungsverfahren, Zulassungsbeschränkungen)?
Schritt 5: Sich gut beraten lassen - Der Weg in die Studienberatung
Wie im Internet, so gibt es auch „im richtigen Leben“ gute und weniger gute Beratungsangebote und Anlaufstellen auf dem Weg Ihrer Studienwahl. Nach einer ersten oben beschriebenen Orientierungsphase sind die Zentralen Studienberatungsstellen an den Universitäten und an vielen Fachhochschulen eine wichtige und hilfreiche Anlaufstelle bei allen Fragen zur Studienwahl. Dieses Angebot ist völlig kostenlos und unverbindlich, die Gespräche vertraulich. Studienberater sind die Experten bei allen Fragen rund ums Studium, auch bei allen Fragen, die sich im Rahmen der Studienwahl ergeben. Während mancher Studieninteressent vielleicht nur ein Beratungsgespräch benötigt, ergibt sich beim Anderen ein vielleicht längerer Weg der Begleitung auf dem Weg hin zur passenden Studienwahl. Ganz wichtig: Scheuen Sie sich nicht, dieses Beratungsangebot wahrzunehmen, es ist auch eine Möglichkeit, erstmals Uniluft zu schnuppern. In Einzelgesprächen und oft auch in Workshops mit Gleichgesinnten erfahren Sie die passende Unterstützung.
Schritt 6: Probieren, um das Richtige zu studieren - Der Besuch von Lehrveranstaltungen an der Hochschule, Ausflüge in die Berufswelt und Praktika in potentiellen Berufsfeldern
An Universitäten und Fachhochschulen finden Sie unterschiedliche Angebote, den Studienalltag möglichst hautnah kennenzulernen und einen Einblick in den studentischen Alltag zu gewinnen. Hochschultage vor Ort, der Besuch von Lehrveranstaltungen, Gespräche mit Dozenten und Studierenden des Faches über Studieninhalte und -anforderungen, aber auch über das Studentenleben neben der Hochschule erleichtern die Studienwahl.
Zeichnen sich für Sie bereits bestimmte Berufsfelder ab (etwa Medizin, Jura, der Lehrerberuf) sollten Sie die Gelegenheit nutzen, mit Berufspraktikern Kontakt zu suchen und in einem Praktikum auch den späteren beruflichen Alltag kennenzulernen.
Egal, ob das Interesse an einem bestimmten Studienfach oder an einem Beruf derzeit bei Ihnen im Vordergrund steht:
Sie stehen am Anfang eines Weges, der durch die Entfaltung dessen, was Sie in fachlicher und beruflicher Hinsicht interessiert, viele Chancen bietet. Gerade durch diese Offenheit ist der Weg allerdings nicht vorgezeichnet und in diesem Sinn nicht „sicher“. Lassen Sie sich durch ein – verfrühtes – Sicherheitsbedürfnis Ihrer Umgebung nicht beirren.
Schritt 7: Den entscheidenden Schritt wagen - Ihre Studienentscheidung
Sie haben zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich eine Fülle an Informationen zusammengetragen. Sie kennen Ihre Interessen und wissen, was Ihnen liegt, haben Studienrichtungen ausgewählt und diese, soweit das möglich ist, ausprobiert. Jetzt sollten Sie auf Ihre innere Stimme, auf Ihren Kopf und Ihr Bauchgefühl achten und einen Entschluss fassen. Bedenken Sie immer: Es gibt keine perfekte Entscheidung und unsicher zu sein, ist bei so komplexen Entscheidung völlig in Ordnung. Sie legen sich meist nicht für den Rest Ihres Lebens fest - und es gibt Beratungseinrichtungen, die Sie in Ihrer Situation unterstützen. Es wäre doch auch langweilig, wenn Sie die Zukunft bis ins letzte Detail heute schon kennen würden.
Schritt 8: Die Eintrittskarte lösen - Ihre Bewerbung/ Einschreibung
Informieren Sie sich frühzeitig über das Bewerbungs-/ Einschreibungsverfahren: Welche Dokumente sind erforderlich, ist das Fach zulassungsbeschränkt oder zulassungsfrei? Wie sind meine Zulassungschancen, gibt es neben Zulassungsbeschränkungen weitere wichtige Zugangsvoraussetzungen zu beachten (Motivationsschreiben, Eignungsprüfungen, Sprachvoraussetzungen)? Erfolgt die Bewerbung direkt an der Universität oder zentral (etwa über hochschulstart.de)? Und bis wann müssen die Bewerbungsunterlagen digital oder in Papierform wo vorliegen? Auch wenn Sie den nötigen Respekt vor den Formalitäten haben sollten, die mit einer Bewerbung verbunden sind, so gilt auch hier: Mit der richtigen Vorbereitung beherrschen Sie auch die letzten Schritte für eine gelungene Bewerbung.
Die Phase der Entscheidungsfindung und der Studienwahl ist eine vielleicht anstrengende und im positiven Sinne herausfordernde Zeit. Nutzen Sie die Ihnen zur Verfügung stehenden Informations- und Beratungsangebote, horchen Sie in sich selbst hinein und seien Sie offen für eventuell bisher auch unbekannte Wege. Die Zeit der Studienorientierung ist eine Phase, die Sie mit Offenheit und Neugierde angehen dürfen. Wer die Wahl hat, hat nicht nur die Qual, sondern auch die Chance, seine Zukunft zu planen. Diese Chance gilt es zu nutzen.
In unserem Archiv finden Sie alle bei
explizit.net erschienenen Artikel, Interviews
und Berichte. Sie können nach Schlagworten,
Titeln oder Autoren suchen. Einfach die
gewünschte Suchkategorie auswählen und
das entsprechende Suchwort eingeben: