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Ubuntu - von Desmond Tutu erklärt- 15.03.2017

Ubuntu - von Desmond Tutu erklärt
Foto: explizit.net

„Ich bin, weil wir sind und weil wir sind, deshalb bin ich.“ Damit wird eine über 2000-jährige afrikanische Tradition geprägt. Sie nennt sich Ubuntu. Bereits jedes Kind wächst im Wissen um diese Spiritualität und Weltanschauung auf. Es ist das Wissen darum, dass das einzelne Individuum in Harmonie zur Gemeinschaft steht. Desmond Tutu interpretiert mit dieser afrikanischen Weltsicht christliche Glaubensinhalte: 

„Die Diversität macht unsere Einheit aus“, sagt der ehemalige anglikanische Erzbischof von Kapstadt und Friedensnobelpreisträger. Er überträgt dabei das afrikanische Gemeinschaftsbewusstsein auf die eucharistische Gemeinschaft, die Communio, und entwickelt damit eine Ubuntu-Theologie. Es ist der menschgewordene Gott, der Stifter und Erhalter dieser Gemeinschaft ist. Der Mensch ist in diese Communio berufen, indem er das göttliche Abbild repräsentiert. Er wird als Mensch vergöttlicht und dadurch in diese Gemeinschaft erhoben. Als Teil dieser steht er nicht nur in Abhängigkeit zu Gott, welcher in der afrikanischen Tradition als supreme being verehrt wird, sondern auch zu seinem Nächsten. Durch das Netz an Beziehungen wird ihm immer mehr sein wahres Selbst eröffnet. Tutu spricht in diesem Kontext auch von der Familie Gottes, in der sich Menschen als Bruder und Schwester begreifen, denn gemeinsam beten sie zum selben Vater. Der Vater habe sie bewusst mit verschiedenen Begabungen ausgezeichnet, damit sie erkennen, dass sie einander bedürfen. Hierin verbirgt sich die Botschaft von Ubuntu: „Ein Mensch wird Mensch durch andere Menschen.“ Das eigene Menschsein ist an die gesamte Menschheit geknüpft. Menschen sprechen sich nicht eigenmächtig ihren Wert zu: „Gott liebt uns nicht, weil wir liebenswert sind, sondern wir sind liebenswert, weil Gott uns liebt. Gottes Liebe ist es, die uns unseren Wert verleiht.“

Unterschied Afrika - Europa

Es gibt einen entscheidenden Unterschied im Wir-Verständnis zwischen westlicher und afrikanischer Lebenswirklichkeit. Die Afrikanische Epistemologie beginnt mit der Gemeinschaft und geht erst im zweiten Schritt auf die Individualität ein, wo hingegen man im Westen genau umgekehrt verfährt. Die westliche Definition von ‚Gemeinschaft’ konnotiert eher eine lose Sammlung von Menschen, die eigene Interessen verfolgen. Da sie jedoch einsehen, dass sie einige ihrer Ziele nur in Gemeinschaft verwirklichen können, schließen sie sich zusammen. Das Afrikanische kennt dahingegen kein bloß additives ‚Wir’, stattdessen verschmelzen die einzelnen Menschen zu einem Organismus. Nicht eine qualitative Eigenschaft wie Rationalität, der persönliche Wille oder die Bewusstseinsfähigkeit, sondern die Gemeinschaft definiert und formt den Einzelnen als Menschen. Dies ist ein äußerst hoher Anspruch, der mit einer großen Verantwortung für das Gegenüber einhergeht, in welchem Jesus Christus selbst offenbar wird: „Was ihr einem meiner geringsten Schwestern und Brüder getan habt, dass habt ihr mir getan.“

Ubuntu ist auch Beziehung zur Schöpfung

Die zwei Dimensionen der Beziehung zwischen Mensch - Mensch und Mensch - Gott werden um eine dritte erweitert: Mensch - Schöpfung. Jeder Mensch ist essentieller Part der göttlich geschaffenen Wirklichkeit und damit Teil eines Ganzen. So findet sich Ubuntu auch im Schöpfungsbericht wieder: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist“, bedeutet, dass der Mensch erst eines gleichartigen und gleichwertigen Gegenübers bedarf, um sein eigenes Menschsein vor Augen geführt zu bekommen. Der Mensch ist zur Gemeinschaft, zur Koinonia, bestimmt.

Eine Ubuntu-Theologie zielt auf die Pflege gesunder und lebensbejahender Beziehungen hin. Demnach obliegt es den Kindern Gottes, so Tutu, Sorge für die Umwelt zu tragen: „Wir sollen über Gottes Welt regieren, wie er selbst regieren würde – behutsam, mitfühlend, gütig, fürsorglich.“

Überwindung von Trennung und Schuld

Barrieren, die Menschen aufgrund ihrer Rasse, ihres Status, Vermögens oder Geschlechts voneinander trennen, stehen dem göttlichen Willen konträr entgegen. Hierin zeigt sich Desmond Tutus eigentlicher Anspruch, wenn er eine Ubuntu-Theologie entwirft. Ubuntu ebnet angesichts der in der südafrikanischen Apartheid-Ära begangenen Gewaltverbrechen den Weg hin zu einer Versöhnungstheologie. So erklärt der Südafrikaner Maniraj Sukdaven, Dozent für Afrikanische Theologie:
       „Ubuntu ist mehr als nur Anteilnahme am Leben meines Nächsten.
       Vielmehr identifiziere ich mich mit meinem Gegenüber.
       Dein Schmerz wird zu meinem Schmerz und Deine Freude wird zu meiner Freude.
       Ich leide mit Dir mit und ich lache mit Dir mit.“

Im Geiste des Ubuntu zu leben, hat zur Konsequenz, vor allem den Verschmähten und Marginalisierten in ihrem Heilungsprozess beizustehen. Hierin zeigt sich eine eindeutige Parallele zur Botschaft von Papst Franziskus, der sich für eine „heilsame Dezentralisierung“ stark macht und gläubige Christen immer wieder dazu ermutigt, an die Peripherien zu gehen.

Ubuntu als umfassende Weltsicht

Es zeigt sich, dass Ubuntu so umfassend ist, dass es Philosophie, Ethik, Spiritualität und Religion prägt. In jedem Fall drückt sich darin ein menschliches Idealbild aus. In Gegenüberstellung zu Descartes Ausspruch ‚Ich denke, also bin ich’ konstatiert der Sozialwissenschaftler Johann Broodryk, deshalb: „’Ich fühle, ich bin in Beziehung, also bin ich.’ Es ist ganz bestimmt eine spirituelle Praxis, genauso aber eine Art Religion und ohne Frage auch eine Philosophie. Ich sage am liebsten eine Weltanschauung: Die Art wie ich denke, die Art, wie ich spreche, die Art, wie ich mich verhalte. Ubuntu ist etwas, das in allen Menschen angelegt ist.“

Marita Wagner

Link: Ubuntu auf dem aktuellen Misereor Hungertuch

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