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Gegengelesen-Kommentar: Gute Beispiele voran- 26.07.2014

Gegengelesen-Kommentar: Gute Beispiele voran
Foto: dpa / picture-alliance

(explizit.net) Ein Kommentar von Thomas Holtbernd
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Seit es den streitsüchtigen Menschen mit Kain gibt, wird auch gefragt, ob es einen gerechten Krieg gibt und wie man Kriege verhindern könnte. Die Pharmaindustrie hat nun den Weg gewiesen, wie Gewalt und Totschlag verhindert werden können. Es ist ganz einfach. In den Vereinigten Staaten gab es einmal die Todesstrafe. Die Menschen glaubten, dass die Hinrichtung einen Mörder vom Morden abhält. Wie im Europa des Mittelalters wurden die Missetäter öffentlich hingerichtet und die Opfer hatten ihre Genugtuung. Da das Ganze human aussehen sollte, wurden das Erhängen, der elektrische Stuhl oder andere grausame Methoden durch die Giftspritze ersetzt. Das ging flott und ganz sanft.

Die europäischen Pharmaunternehmen haben nun das Ende eingeläutet, sie schicken einfach das Gift für diese Strafmaßnahmen nicht mehr. Und da die Amerikaner ihre Todeskandidaten nicht alle in die Schweiz schicken wollen, damit sie dort mit einem netten Cocktail ihr Leben aushauchen, haben sie selber sich daran gemacht, die Giftmischung zu produzieren. Das klappt aber nicht. Aus der humanen Variante der Hinrichtung wurde ein grausamer Todeskampf, der, wie jetzt, zwei Stunden dauern kann. Das ist wie bei den Kriegen, die die Amerikaner führen, keiner weiß so recht, ob die Fakten stimmen und dann wird ein Krieg mit einem langen und grausamen Ende geführt.

Wahre Motive?

Die europäische Pharmaindustrie steht nun edel da. Ob da wirklich lautere Motive das Handeln bestimmt haben, das ist fast unerheblich. In Amerika hat dieses langsame Sterben große Diskussionen ausgelöst. Unverbesserliche töten wieder mit Erhängen oder elektrischem Stuhl, sogar das gemeinsamen Erschießen wird erwogen, doch insgesamt wenden sich mehr und mehr Staaten von dieser Strafform ab. Man möchte nicht so gern als inhuman gelten. Natürlich sind die Strafen gerecht, doch soll es schon nett zugehen bei der Vollstreckung. Hart und gerecht, aber ohne Bewusstsein soll der Mörder seine letzten Minuten verbringen.

Weiter so!

Was die Pharmaindustrie kann, das könnte doch auch die Waffenindustrie. Einfach keine Waffen mehr liefern und dann hört das auf mit dem Krieg spielen. Und Deutschland schreitet fest geschlossen voran, denn hier baut man die besten Waffen. Die Amerikaner wussten das, dafür betreiben sie ja NSA, und haben verhindert, dass in deutschen Fabriken Drohnen gebaut werden. Merkwürdig nur, dass via NSA die Rezepturen für die Todesspritzen nicht an die örtlichen Pharmaunternehmen weitergeleitet wurden. Von deutschem Boden werden nach wie vor Unmengen an Waffen in alle Welt verschickt. Doch jetzt die Fahne hoch mit der Pharmaindustrie: Erst die Pharmaindustrie und dann die ganz Welt! Wollt ihr den totalen Lieferstopp? So muss es sein. Keine Angst vor wilden Parolen. Was stören uns die Motive, wenn das Ergebnis gut ist.

Und jeder macht mit!

Wenn die Amerikaner die langen Hinrichtungszeremonien nicht mehr sehen wollen, weil die vergifteten Mörder keine Luft mehr kriegen, - das ist auch wirklich unappetitlich - dann kann da jetzt jeder mitmachen. Wird eine Hinrichtung im Fernsehen übertragen, einfach ausschalten. Werden Kriegsbilder gezeigt, einfach wegzappen. Grausam ermordete Kinder, Frauen, Soldaten, Menschen wollen wir nicht sehen: Zack! Weg mit den Bildern! Gerechte Strafen, die unschön ausgeführt werden, die wollen wir nicht sehen. Wir schauen uns den gerechten Strafvollzug einfach nicht mehr länger an. Mal sehen, was passiert, wenn keiner mehr hinguckt? Die Friedensbewegung rief noch laut: „Stell dir vor es ist Krieg und niemand geht hin“. Die Peacemaker dachten tatsächlich, man müsse zum Krieg nicht hingehen und für den Frieden auf die Barrikaden steigen, oder noch schlimmer „make love not war“, das ist alles nur sehr anstrengend, wir haben es viel bequemer, wir können im Fernsehsessel sitzen bleiben und einfach umschalten. Sollen die hohen Herren ihre Kriege doch ohne Publikum führen. Das wird auf Dauer auch für den überzeugtesten Kriegstreiber langweilig, zumal wenn der Nachschub an Waffen ausbleibt.
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Ein Kommentar von Thomas Holtbernd.

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