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Erdogans Cäsarenwahn:- 23.07.2016

Erdogans Cäsarenwahn:
Foto: explizit.net

Die Situation in der Türkei spitzt sich immer mehr zu. Im Mittelpunkt steht ein Mann, der vielen Hoffnungen gemacht hat, als er 2003 eine korrupte Regierung ablöste, die kein Verständnis für religiöse Gefühle hatte. Viele dieser Hoffnungen hat er auch realisiert. Die Türkei hat nicht nur ein wirtschaftliches Wachstum erzielt, es gibt auch Religionsfreiheit und, das war einmal, eine immer größere Nähe zu den Werten der EU. Da es keine politischen Konkurrenten gibt, muss die Angst in ihm selbst liegen. Das Phänomen hat schon Tacitus beschrieben. Er nannte es in Bezug auf römische Kaiser „Fürstenwahnsinn“. Gustav Freytag und der Historiker Ludwig Quidde prägten dann den Begriff „Cäsarenwahn“. Das Foto erklärt es bereits. Weiteres spricht für diese Erklärung: 

Es sind nicht das Militär und die früheren laizistischen Parteien

Die Hintergründe des Putsches liegen im Dunkeln. Die Regierung will die Anhänger eines anderen muslimischen Reformers, Fethullah Gülen, Inspirator der Hizmet-Bewegung, als Antreiber des Putsches vom 15. Juli ausgemacht haben. Diese Bewegung, die viele Anhänger im Militär, in der Polizei und der Richterschaft hat, soll hinter dem Putsch stehen. Möglicherweise sollte der Putsch verhindern, dass die Anhänger Gülens ihre Posten verlieren und angeklagt würden. Das Militär selbst und die alte, laizistische politische Klasse zeigten sich nicht mehr als ernst zu nehmender Faktor.
Der Konflikt, der sich immer mehr zuspitzt, ist deshalb schwer zu verstehen, weil sich sowohl die Partei Erdogans wie die Gülen-Bewegung für die einfache Bevölkerung einsetzen, die nicht Teil des säkularen Staates waren, der durch das Militär repräsentiert wurde, sondern dem Islam treu geblieben ist. Dieser Mehrheit eine Perspektive zu eröffnen und dafür auf die Religion zu setzen, vereint beide Bewegungen, die auch lange kooperierten. Es ist unwahrscheinlich, dass Gülen von seinem Exil in den USA den Putsch organisieren konnte. Zudem gibt es keine Person, die sich im Putsch als Alternative zu Erdogan präsentiert hat. Dass die Phobien in der Person des türkischen Präsidenten zu suchen sind, kann durch folgende Einschätzungen von Türkeikennern plausibel gemacht werden.

Der Putsch bestätigt das Bedrohungsgefühl

Die neue Türkei, die nach dem Ersten Weltkrieg entstanden ist, war ganz auf sich alleine gestellt. Die vorher von ihr beherrschten Gebiete sollten Engländern, Franzosen und anderen Siegermächten zugeschlagen werden. Deutschland, an dessen Seite die Türkei im Ersten Weltkrieg kämpfte, war außenpolitisch in gleicher Weise isoliert. Russland, mit dem die Türkei seit Jahrhunderten in Spannung lebte, hat wie vorher auch im Ersten Weltkrieg die Türkei besiegt. Sie war nicht nur auf sich alleine gestellt, sondern fühlte sich bedroht. Griechenland ist bis heute gegenüber der Türkei feindlich eingestellt und führte von 1919-1922 Krieg gegen die frühere Okkupationsmacht. Zwar hatte das Land durch einen bewaffneten Aufstand bereits 1826 seine Selbstständigkeit zurückgewonnen, es ging in dem Krieg gegen die Türkei um die von Griechen bewohnte Westküste Anatoliens. Die Griechen wurden in ihrem Kampf von England und Frankreich unterstützt, während Italien die Türkei mit Waffen versorgte. Die Erfahrungen aus den Gründungsjahren der heutigen Türkei wirken weiter.

Die Angst richtet sich bisher nicht gegen den religiösen Pluralismus

Der griechisch-türkische Krieg war kein Religionskrieg, jedoch spielt der Gegensatz zwischen griechisch-orthodoxem Christentum und sunnitischem Islam eine Rolle. Das könnte zu der Befürchtung Anlass geben, die etwa 35% der Bevölkerung, die nicht zum sunnitischen Islam gehören, würden ihrer Artikulationsmöglichkeiten beraubt. Die Maßnahmen der Regierung richten sich bisher jedoch nicht gegen religiöse Gruppierungen. Felix Körner, Professor an der päpstlichen Universität Gregoriana, stellt dazu in einem KNA-Interview fest:  „In den ersten Jahren der AKP-Regierung, sagen wir 2003/2004, wurde die Türkei merklich pluralistischer. Wer anders war, der war kein gefährlicher Spinner mehr, sondern auch ein Gesicht der sich neu findenden Türkei. Damals ist ein Selbstbewusstsein gewachsen, das heute weiterlebt.“ Er sieht in diesem erlebten Pluralismus die Ressource für eine Überwindung der Krise.

Macht macht dem Mächtigen Angst

Wenn man ausschließen kann, dass weder der Putsch noch die Reaktionen der Regierung einen islamistischen Hintergrund haben und auch religiöse Gruppierungen wie die Aleviten nicht verwickelt waren, dann müssen die Gründe anderswo gesucht werden. Auch die politischen Lager haben der Regierung nichts entgegenzusetzen. Einen Hinweis bieten die vielen Prozesse, die Erdogan gegen Kritiker führt. Wenn ein deutscher Komiker über längere Zeit durch die Reaktionen des türkischen Präsidenten auf einer Welle der Aufmerksamkeit reiten kann, dann zeigt das, wie leicht sich der türkische Machthaber angegriffen fühlt. Obwohl Erdogan die politische Macht im Laufe seiner politischen Ämter immer mehr auf sich konzentrieren konnte, fühlt er sich offensichtlich durch jede Kritik und sogar durch ausbleibende Zustimmung verunsichert. Erdogan musste gegen die laizistische politische Klasse kämpfen. Mit den gewonnen Wahlen habe er sein Selbstverständnis nicht verändert, sondern gehe wohl immer noch davon aus, dass „die anderen“ über Macht verfügen und sie ihm nicht zugestehen wollen. Der Putsch hat diese Befürchtung bestätigt und kann von ihm nicht als Warnzeichen verstanden werden, die Restriktion der Meinungsvielfalt zu beenden und die politischen Prozesse nicht einseitig an seine Person zu binden.

Nicht Gegendruck, sondern Verstehen kann die Fixierung auflösen

Erdogan fürchtet die Kehrseite einer übergroßen Macht, nämlich die reale Perspektive, dass sie ihm genommen wird. Je mächtiger ein Politiker wird, desto mehr Kritiker entstehen ihm und desto weniger Zustimmung erfährt er von einem immer größer werdenden Teil der Bevölkerung. Deshalb ist eine Bedrohungslage, die die Bevölkerung hinter ihrem starken Mann Erdogan vereint, für ihn ein Gottesgeschenk – so sagte er es selbst. Erdogan beruft sich auf Demokratie. Sie ist für ihn aber nur Mehrheitsmeinung, nicht auch Schutz der Minderheiten, Integration. Erdogan ist kein Demokrat, sondern ein Populist. Eine rechtsstaatliche, plurale Demokratie lehnt er ab. Das ist die psychologische Folge, denn diese besagt ja, dass die Macht nur eine zeitlang vergeben wird, um dann einen neuen Machthaber auszuwählen. Demokratie stellt also immer Macht infrage und damit auch den türkischen Präsidenten in seinem Selbstbild. Dass Demokratie auch Legitimation verschafft und die ständige Angst um den Machterhalt auf die nächste Wahl verschiebt, scheint Erdogan in seiner ersten Periode als Ministerpräsident nicht als Entlastung erlebt zu haben.

Erdogan lebt in der paranoiden Getriebenheit, dass dem Mächtigen alle an den Kragen wollen, wenn er keine Sicherheitsprobleme lösen darf und sich so als der alternativlose Ordnungsgarant erweisen kann. Pluralität, Offenheit, Transparenz sollten den Kommunikationsstil prägen. Die Türkei wie auch wohl viele Türken hier von den demokratischen Spielregeln zu überzeugen, dürfte allerdings noch ein langer Weg sein. Dazu gibt es jedoch keine Alternative.

Autor des Artikels

Dr. Eckhard Bieger SJ

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Dr. Eckhard Bieger SJ

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