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Der neue Mensch 2.0 – gesund, glücklich, intelligent und unsterblich- 22.09.2015

die Vorträge fanden in der neuen Kirch ein Lech statt
Foto: Florian-Lechner,

„Citius, altius, fortius“ (schneller, höher, stärker) lautet bis heute das Motto der Olympischen Spiele. Vorgeschlagen wurde es 1894 durch Pierre de Coubertin nach einer Idee des Dominikanerpaters Henri Didon. Gegenwärtige Diskussionen zeigen: Wir wollen noch besser werden, viel klüger, schöner, gesunder, erfolgreicher und auch glücklicher. Vor allem wollen wir endlich unendlich leben und dadurch die conditio humana gegenstandslos machen. Das Geschöpf Mensch arbeitet am Rollenwechsel und will selber Schöpfer werden. Nur eine naiv-hybride Versuchung oder eine zu bewältigende Herausforderung? – Das 19. Philosophicum Lech begab sich in diesem Jahr auf eine spannende Exkursion in ein nicht immer übersichtliches Gelände mit teils irritierenden Vorstellungen.

Der neue Mensch 2.0 – gesund, glücklich, intelligent und unsterblich

Die aktuelle Auseinandersetzung um die Frage, darf oder muss sich der Mensch neu erschaffen und wenn ja, auf welchem Weg und zu welchem Ziel, ist nicht eigentlich neu. Arnold Gehlen hat 1940 den heute gern zitierten Terminus vom Menschen als „Mängelwesen“ geprägt. Seit Nietzsches Wort, dass der Mensch das „nicht festgestellte Tier“ sei, gehört die Annahme einer Neuformung des Menschen zu den Überlegungen der modernen philosophischen Anthropologie. Nietzsche hatte allerdings seine Einschätzung als Symptom einer „krankhaften Entwicklung“ gewertet. Günther Anders hatte diesen Befund als junger Mann zugespitzt, indem er von der „Pathologie der Freiheit“ des Menschen sprach und diese mit der Satz beschrieb: „Künstlichkeit ist die Natur des Menschen und sein Wesen ist Unbeständigkeit.“

Schon seit der Renaissance: Das unbestimmte Wesen
Zurück gehen diese Überlegungen, den Mensch als ein Wesen zu sehen, das sich erst entwerfen und gestalten muss, auf die Renaissanceanthropologie des Humanisten Giovanni Pico della Mirandola. Er lehrte die universelle Autoplastizität des Menschen und ließ in seiner Rede über die Würde des Menschen im Jahr 1486 Gottvater zu seinem Geschöpf sagen: „Wir haben dir keinen bestimmten Wohnsitz, noch ein eigenes Gesicht, noch irgendeine besondere Gabe verliehen, o Adam, damit du jeden beliebigen Wohnsitz, jedes beliebige Gesicht und alle Gaben, die du dir wünschst, auch nach deinem Willen und nach deiner eigenen Meinung haben und besitzen mögest. Den übrigen Wesen ist ihre Natur durch die von uns vorgeschriebenen Gesetze bestimmt und wird dadurch in Schranken gehalten. Du bist durch keinerlei unüberwindliche Schranken gehemmt, sondern du sollt nach deinem eigenen freien Willen sogar jene Natur dir selbst vorherbestimmen.“

Enhancement –  bereits von Nietzsche proklamiert
Die von Nietzsche pathetisch propagierte Selbstschöpfung – „Wir sind die Neuen, die Einmaligen, die Unvergleichbaren, die Sich-selber-Gesetzgebenden, die Sich-selber-Schaffenden“ – hat im Ich den entscheidenden Impuls und Maßstab: „Wir aber wollen die werden, die wir sind“ (Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft). Man kann dies als „Autoinvenienz“ bezeichnen; aber weil die Betonung nicht auf Ästhetik sondern auf die Möglichkeit der technischen Veränderung gelegt wird, ist die Rede vom „Human Enhancement“, der Optimierung des gesunden menschlichen Körpers und seiner Leistungsfähigkeit wie auf die Verbesserungsmöglichkeiten geistiger und emotionaler Ressourcen. Mit technischen, chemischen, chirurgischen oder genetischen Veränderungen, Eingriffen und Ergänzungen sollen vorhandene Leistungen verbessert, ausgebaut und vor allem beschleunigt werden: das Gedächtnis soll leistungsfähiger werden, mehr Informationen sollen in kürzerer Zeit verarbeitet werden, der Mensch soll sich schneller bewegen und ausdauernder werden, er soll seine Gesundheit, das heißt die entsprechenden Werte – Puls, Blutdruck, Fettablagerungen etc. – optimieren, überhaupt soll er länger leben, weniger schlafen, sich richtig ernähren und all seine Potentiale optimal nützen. Hinter all dem steht das Kalkül der Effizienz. Es verwundert kaum, dass der Sport und militärische Einsätze als potentielle Einsatzfelder für das Human Enhancement betrachtet werden. Doping zeigt in allen Variationen auf, was hier geleistet werden kann.

Die Evolution in die Hand nehmen
Den meisten Überlegungen liegt die Überzeugung zugrunde, der Mensch, wie er ist, soll oder muss verschwinden. Er ist ein Auslaufmodell. Und weil die menschliche Natur als work-in-progress verstanden wird, die wir selbst auf wünschenswerte Wege lenken können, ist die gegenwärtige Menschheit nicht der Endpunkt der Evolution. Wie die Neuschöpfung geschehen soll, wird wesentlich in zwei Argumentationssträngen diskutiert.
Bestanden alte Konzepte noch in der Neuschaffung von anderen Wesen – Homunkulus, Pygmalion, Golem – die dem Menschen helfen sollten, möchte er sich nun selbst manipulieren. Die eine Richtung sieht sich in der Rolle von „Bioingenieuren“. Ihnen geht es um die Verbesserung des genetischen Ausgangsmaterials des Menschen. Sie haben sich noch die Hoffnung auf eine biologische Zukunft der Menschheit erhalten. Sie wollen durch genetische Selbststeuerung und Verbesserung eine genetisch optimierte Intelligenz, Gesundheit und Langlebigkeit erreichen. Anders als die totalitären Systeme des 19. Jahrhunderts setzt diese „liberale Eugenik“ auf Freiwilligkeit und nicht auf zentrale Steuerung oder genetische Züchtungsutopien. Vor allem die Eltern sollen nach dem Modell eines freien Marktes solche Optionen ergreifen, die der Optimierung ihrer Kinder nützen: Genscreening von Embryonen, social egg freezing, Geschlechtsbestimmung, frühzeitiges Erkennen und Ausschalten genetisch bedingter Krankheiten.

Auftrag zur Selbstoptimierung
Was dann noch zu geschehen hat, übernehmen die Selbstoptimierungsprogramme. Sie reichen von einer noch harmlos klingenden digitalen Überwachung der Lebens- und Ernährungsgewohnheiten bis zu Gendoping, zur Genreparatur und zur Züchtung von Ersatzorganen aus dem Bioreaktor. Aufgabe der Medizin ist nicht mehr primär die Therapie von Krankheiten und der Ausgleich von Defiziten oder Mängeln. Medizin wird zu einer Technik, der es wesentlich um die Optimierung des gesunden Menschen geht, um die Steigerung seiner Fähigkeiten: das gesunde Auge wird nun geschärft, das gesunde Gehirn gedopt, der gesunde Körper perfektioniert, die gesunde Seele auf zusätzliche Belastbarkeiten programmiert, das gesunde Leben verlängert, weit über bisher bekannte Lebensspannen hinaus, vielleicht bis zur physischen Unsterblichkeit.
Teile der neuen Techniken gibt es bereits: Fitness-Armbänder speisen bereits Smartphones mit Daten über Puls, Laufleistung, Belastbarkeit und Blutzucker; sie ermahnen, wenn nicht genügend Kalorien verbraucht sind. Smart pills steigern bereits heute bei Piloten oder Examenskandidaten die Leistungsfähigkeit. Unter Einsatz von Nanotechnologien werden zurzeit Pillen entwickelt, die in unserem Körper Funktionen überwachen und reparieren. Der Mensch ist bereits mit Biotechniken vernetzt, die meist noch von außen auf den Körper einwirken, bald auch von innen wirken und dann vielleicht mit dem Körper verschmelzen. Das Internet hat den Raum des Cyberspace‘ längst verlassen und wuchert immer stärker in die materielle Welt hinein (Sascha Dickel). Die Redeweise „Du bist nicht der Kunde der  Internetkonzerne, Du bist ihr Produkt“ bekommt Kontur.
 

Technik wird Bestandteil des Körpers
Die zweite Denkrichtung geht wesentlich weiter. Hier soll die Optimierung durch den Einsatz von Technik geschehen, Technik, die Funktionsabläufe kontrolliert und optimiert, Technik, die physisch und psychisch nicht nur Ersatz schafft, sondern bislang ungekannte Leistung. Diese Technik soll aber nicht nur wie Prothesen angewendet werden. Mit der Hilfe von Biotechniken will sich der Mensch diese Technik quasi einverleiben und sich dadurch zu einem Mischwesen entwickeln, einem Cyborg – ein Akronym vom englischen cybernetic organism – aus menschlichem Körper und Maschine, nicht zu verwechseln mit Robotern oder Androiden. Dies aber ist kein Endpunkt. Die Transhumanisten, die diesen Weg gehen wollen, zielen einen Zustand als Posthumanisten an, eine menschliche Neuschöpfung von ungeahnter Qualität und ewigem Leben. Das Motto der Bewegung: „Don’t limit your challenges, but challenge your limits“.

Geist auf einem Chip
Die durch komplexe Technologien optimierten Mensch-Maschine-Mischwesen bzw. transhumane Wesen entstehen entweder aus von Menschen entwickelten Robotern oder aus der Möglichkeit, Bewusstsein und damit die Identität des Menschen vollständig abbilden und speichern zu können und sie dadurch einer neuen Existenzform zuzuführen. Die Noch-Phantasie, menschliches Bewusstsein zu speichern, weiterentwickeln und damit unsterblich machen zu können, hat die Trennung von Geist und Leib zum Hintergrund. Diese „funktionale Unsterblichkeit“ eines aus dem Körper befreiten Geistes, der auf einem Chip gespeichert wird, kann als Fortsetzung der als überwunden geglaubten platonischen Leibfeindlichkeit gesehen werden, die als säkularisierte gnostische Erlösungssehnsucht oder apokalyptische Vorstellung neu glitzert. Der unfertige Mensch – endlich unendlich, endlich ewig. Die von Ray Kurzweil, Forschungsdirektor bei Google, angepriesene „Menschheit 2.0“, deutet durch ihre Bezeichnung an, dass der Mensch als ein durch die Evolution hervorgebrachtes fehlerhaftes Programm gedeutet wird, eben ein „work in progress“. Den Gegnern auf der einen Seite ist diese eine nicht verständliche Technophilie, den anderen eine naive Allmachtsphantasie.

Optimierung, die vererbbar ist
Wir wissen nicht, sagt Sascha Dickel, Wissenschaftssoziologe an der TU München, ob diese Utopien (oder doch lieber Dystopien?) jemals Wirklichkeit werden. Diese Vorstellungen sind aber manchem Gelehrten eine „utopisch aufgeladene Beschreibung unserer Gegenwart“. Sie retten sich aus der Komplexität der gegenwärtigen Lebenswelt in eine scheinbar unkomplizierte Zukunft. Ob diese wirklich unkompliziert ist und die angedachten unsterblichen Mischwesen dort besser agieren als die Sterblichen heute, bleibt abzuwarten. Dass die neuen Freiheiten aber wirklich frei machen und nicht mit neuen Unfreiheiten erkauft sein werden, ist – nach allen bisherigen Erfahrungen – kaum zu erwarten.
 Der Wiener Genetiker Markus Hengstschläger legte die beiden Möglichkeiten gentechnischer Eingriffe dar: auf der einen Seite exogene Eingriffe, die einem einzelnen Individuum helfen können und nicht vererbbar sind, andererseits – seit 2015 mögliche - endogene Eingriffe, die einen Menschen genetisch verändern, vererbbar sind und infolgedessen – über einige wenige Generationen - die ganze Menschheit verändern werden. Hengstschläger bezog Position: „Genetische Eingriffe als Instrument für Enhancement, so utopisch das heute auch anmuten mag, würden in einer sich nur schwer vorstellbaren und aus meiner Sicht hoffentlich nie eintretenden Zukunft die bisherige Ebene der Möglichkeiten zur Optimierung des Menschen erstmals in der Geschichte verlassen – und das eigentlich gleich um drei Stufen hinauf oder je nach Blickwinkel hinunter. Erstens wären genetische Eingriffe am Embryo keine Form von ‚Selbstoptimierung’. ... Vielmehr kann der Mensch, der später die Konsequenzen dieser Optimierung trägt, in den Entscheidungsprozess nicht eingebunden sein und es handelt sich daher um die Optimierung durch Dritte, wenn man so will um ‚Fremdoptimierung’. Zweitens würde es sich dabei erstmals nicht wie bisher um eine Beeinflussung gewissermaßen von außen durch exogene Umwelteinflussnahmen, sondern um eine endogene Einflussnahme auf das biologische ‚Grundgerüst’ des Menschen handeln. Die dritte Ebene würde gewissermaßen nicht durch einen nächsten Schritt, sondern vielmehr durch unendlich viele Schritte erreicht werden: Würde es sich nämlich um einen genetischen Eingriff in die Keimbahn handeln, wäre es nicht die Optimierung eines Einzelnen, wie es bei den heute bereits angewandten Methoden der Selbstoptimierung der Fall ist, sondern die Optimierung würde jeden Nachkommen davon grundsätzlich einmal immer fort betreffen. Genetische Eingriffe in die Keimbahn zum Zwecke des Enhancement wären also im Gegensatz zu den heute gängigen Ansätzen am ‚Optimierungsmarkt’, nicht eine exogene Selbstoptimierung eines Menschen, sondern die endogene Fremdoptimierung der ganzen Menschheit.“
Der emeritierte Tübinger Ethiker Dietmar Mieth, ausgewiesener Sozialethiker und Fachmann für Ethik in den Naturwissenschaften, anerkennt die Rolle des Menschen als Konkreator, kritisiert aber die Umsetzung ihrer Motive. Die Machbarkeit einer Sache ergebe nicht gleich auch ihre Erlaubtheit. Alternativen und Revisionsmöglichkeiten müssten bedacht werden, Ziele und Mittel den gleichen Kriterien unterworfen sein. Wenn die Naturwissenschaft ohne Rekurs auf Gott arbeite, gelte das methodische Prinzip „etsi deus non daretur“ (= als wenn Gott nicht gegeben wäre). Das dürfe aber nicht mit einem „quia deus non daretur“ (= weil es Gott nicht gibt) verwechselt werden. Das sei aber der Fall, wenn man meine, Verantwortung an Stelle Gottes ohne Rücksicht auf die Endlichkeit des Menschen übernehmen zu können, gleichsam als Gottes-Ersatz, der die Welt optimiert. „Diese Verantwortung kann der Mensch nicht übernehmen. Wenn es Gott nicht gibt, wird er [= der Mensch] sich mit seiner Endlichkeit zufrieden geben müssen.“

Schöpferisch als endliches Subjekt
Konkreativität bedeutet nach Mieth als Handlungsmaxime, die Naturbausteine in Kontinuität zum Natursinn zu optimieren. Ohne Bestimmung eines Natursinns können wir nicht angemessen mit der Natur umgehen. Wir können aber eine Handlung unterlassen, „weil die Natur mit ihrer Zufälligkeit uns erspart, Verantwortung für die Planung anderer Personen in ihrem Sosein – nicht in ihrem bloßen Dasein – zu übernehmen, eine Verantwortung die uns nachher zurecht vorgeworfen werden könnte, wenn etwa gesagt wird: ‚Ihr habt mich so gewollt; ihr habt mir Bedingungen gestellt, bevor ich ins Leben kam.’ Das wäre ein Paradigmawechsel von der vorbehaltlosen zur bedingten Annahme des Menschen nach bestimmten Qualitätsmerkmalen. Wenn wir das nicht wollen, sollten wir auch nichts dazu tun, entsprechende Möglichkeiten zu befördern.“

Nach Johannes B. Metz lautet die kürzeste Formel für Religion „Unterbrechung“. Glaube schafft im Fortschritt Raum für Reflexion, die der Fortschritt als eine Quasi-Religion vergisst. Religion befördert Unterbrechungskompetenz, freilich weder in wissenschaftlicher noch in moralischer Hinsicht unfehlbare Unterbrechungskompetenz. Und in dem gleichen Sinne schafft Religion Endlichkeitssicherung als Schulung des Bewusstseins. Aus alldem ergebe sich, so Mieth, ein Vorsichtsprinzip (Principle of precaution), das durch Reflexion aufgearbeitet werden muss, die durch wissenschaftliche Methodologie und wissenschaftliche Einbettung in Innovationszwänge, Paradigmabindung, technologische Reproduzierbarkeit und ökonomische Wettbewerbsbedingungen  nicht gegeben ist.
 

Auf diesem Hintergrund ergeben sich ethische Kriterien:

  1. Für die Wissenschaft gilt gegenüber der Gesellschaft das Transparenzgebot. Das schließt ein, dass auch über Stagnation, Rückschritt und Misserfolg informiert wird. Ferner muss darüber im Einzelnen informiert werden, dass jeder Fortschritt im Wissen auch ein Fortschritt in der Nichtwissenskenntnis ist. Wer mehr weiß, weiß auch in der Wissenschaft mehr darüber, was er genauerhin nicht weiß.
  2. Das Gebot einer präzisen Sprache: In der Wissenschaft sollte Forschung nicht mit Hilfe von Werbesprache vermittelt werden. So ist der Ausdruck Therapie fehl am Platz, wenn es in Wirklichkeit keine Therapien gibt. Er instrumentalisiert die Hoffnungen von Kranken, ohne sie einlösen zu können.
  3. Gefordert ist die Verträglichkeit mit Menschenwürde und Menschenrechten, im Einzelnen: Überlebensverträglichkeit, Freiheitsverträglichkeit, Gesundheitsverträglichkeit, Verträglichkeit mit der Ausbildung selbstbestimmter Identitäten, Sozialstaats-Verträglichkeit, Umweltverträglichkeit.
  4. Das Prinzip der Folgenbewertung könnte so lauten: Man soll Probleme nicht so lösen, dass die Probleme, die durch die Problemlösung entstehen, größer sind als die Probleme, die gelöst werden. Dieses Kriterium mag einen mehrfach strittigen Diskurs auslösen. Man wird ihm aber zustimmen können, wenn man bei der Nutzung der Atomenergie einsieht, dass von Anfang an Probleme sichtbar waren, deren Lösung man nicht sehen konnte.
  5. Die Verlangsamung des einzelnen ethisch prekären Fortschrittes zugunsten der ethischen Reflexion, aber auch zugunsten genauerer Erkundung der Umsetzbarkeit, der Verflechtungen, der Folgen ist immer wieder erforderlich. Es scheint so zu sein – z.B. in der Gentherapie und bei den Stammzellen aus Embryoderivaten – dass die angekündigten Erfolge sich entweder nicht so schnell oder eingeschränkt gegenüber den Erwartungen einstellen. Verlangsamung steht einerseits im Dienst der Präzision und der Realistik, andererseits im Dienst der gesellschaftlichen Reflexion.
  6. Die Bevorzugung rückholbarer oder zumindest partiell revidierbarer Manipulationen an der Natur und am Menschen. 

Eine solche Liste von Referenzpunkten legt im Vorhinein Normen fest, die des ethischen und gesellschaftlichen Diskurses bedürfen. In einer Demokratie muss diesem Diskurs Raum geschaffen werden, der nicht durch Präjudize der Macht des Verbundsystems von Wissenschaft-Technik-Ökonomie begrenzt werden darf.

Während die Ausführungen des Genetikers die nicht gegebene Rückführbarkeit bestimmter genetischer Manipulationen am Menschen vor Augen führte, waren die theologischen Einlassung zum Ende des diesjährigen Philosophicums eine Art seelischer Balsam für die Teilnehmer. Es scheint wirklich so zu sein, wie der Wiener Philosoph Konrad Liessmann zu Beginn der Tagung gesagt hatte: Der moderne Mensch findet sein Glück nur in Bildern seines Nichtmenschseins. Die Antwort auf die Frage: Was ist der Mensch? laute heute überwiegend: Das, was nicht sein soll. Es sei deshalb an der Zeit, dieses fragile und fragende Wesen Mensch, das zwischen Freiheit und Notwendigkeit, Geist und Körper, Endlichkeit und Unendlichkeit, Natur und Kultur schwanke, zu verteidigen.

Das 19. Philosophicum Lech fand vom 16. bis 20. September 2015 in Lech am Arlberg unter dem Titel Neue Menschen! Bilden, optimieren, perfektionieren statt. Das 20. Philosophicum Lech steht vom 21. bis 25. September 2016 unter dem Titel Über Gott und die Welt. Philosophieren in unruhiger Zeit. Aufgrund des absehbar enormen Interesses empfiehlt sich dringend eine frühzeitige Anmeldung ab 1. April 2016 unter www.philosophicum.com

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Autor des Artikels

Becker-Huberti, Manfred

Prof. Dr. Manfred Becker-Huberti

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Prof. Dr. Manfred Becker-Huberti

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